Wettkampf?

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Corona begleitet uns jetzt schon fast ein Jahr. In diesem Jahr hatte ich immer wieder die Möglichkeit, mir Gedanken darüber zu machen, ob ich wieder an Wettkampf teilnehmen möchte oder nicht. Je nach Gemütszustand ändert sich die Meinung beinahe täglich, da ein Wettkampf sehr viel mit sich bringt.

Für viele ist es ein Traum, auf einer Bühne zu stehen. Und ich kann das absolut nachvollziehen – ich finde es auch grossartig und merke, dass es mich berührt, wenn ich an die Wettkämpfe denke. Dennoch gehen einige in das Abenteuer «Wettkampf», ohne sich darüber vorher viel Gedanken gemacht zu haben. Dies ist überhaupt nicht wertend gemeint, denn bei den ersten zwei Wettkämpfen war es ähnlich bei mir. Auch wenn ein Wettkampf viel Positives mit sich bringt, möchte ich dennoch einmal näherbringen, was Du Dir vorab für Gedanken machen solltest.

Die Kosten

Die Kosten für einen Wettkampf sind nicht ohne. Ich versuche, es einmal so einfach wie möglich aufzuschreiben, so dass es nachvollziehbar ist.

Bikini

Im Gegensatz zu den Männern, tragen wir wunderschöne Bikinis. Die sind nur auch sehr kostenintensiv. Für einen neuen Bikini zahlst Du ziemlich schnell um die 500 Euro. Es gibt genügend Orte, wo Du es auch gebraucht kaufen kannst. Beim Bikini würde ich nicht sparen – ein gutsitzender Bikini ist wichtig, da er Deine guten Seiten hervorheben kann, oder die schlechte Seite betonen kann. Sprich Dich am besten vorher ab, schaue wer wo seine Bikinis gekauft hat und informiere Dich.

Die Mahlzeiten

In dieser Zeit wirst Du sehr wahrscheinlich auch einige Zusätze wie Proteinpulver, Vitamine etc. zu Dir nehmen. Zudem wird bei den meisten der Fleisch- und Fischkonsum zunehmen, was ebenfalls ins Geld gehen kann. Proteinpulver kannst Du auch sehr kostengünstig kaufen. Ich würde aber – wenn möglich – nicht auf den Preis schauen, sondern was die Inhaltsstoffe sind und vor allem ob es Dir schmeckt. In der Regel wirst Du es für einige Monate einnehmen.

Posing, der Coach, die Vorbereitungs-workshops

Je nachdem wo Du startest, gibt es diverse Vorbereitungskurse, bei denen Du teilnehmen kannst (was ich sehr empfehle). Dennoch solltest Du nicht vergessen, dass diese meist nicht kostenlos sind. Zudem fallen in der Regel monatliche Gebühren für den Coach an, der Dich begleitet. Das kann schnell zwischen EUR 150 und EUR 300 monatliche Kosten mit sich bringen.

Make Up, Tanning

Am Wettkampftag selber kannst Du Dich selber schminken, oder schminken lassen. Wenn Du es selber machst, ist es natürlich günstiger. Wer sich das aber nicht zutraut, dem empfehle ich, sich schminken zu lassen. Informiere Dich, wer dies anbietet und buche (frühzeitig!) den Termin. Dann kommt noch die Wettkampffarbe dazu. Wenn man weiss, wie das funktioniert, kann man dies sehr gut auch selber machen. Ansonsten kommt das Spraying am Wettkampftag ebenfalls noch dazu, was auch einiges kostet. Zwischen EUR 80.00 und EUR 150.00 würde ich dafür sicherlich auf die Seite legen.

Kosten für die Wettkampfteilnahme

Meistens bezahlst Du für die Wettkampfteilnahme eine Gebühr. Zudem bezahlst Du für den Betreuer, wen er mit dir hinter der Bühne ist. Internationale Wettkämpfe sind um einiges teurer als nationale Wettkämpfe. Da es sich bei der Wettkampforganisation meistens um einen Verein handelt, bezahlst Du zusätzlich eine Mitgliedschaftsgebühr.

Der Coach

Der Coach muss nicht Dein bester Freund sein. Dein Coach muss auch nicht zu Deinem Familienmitglied werden. Dein Coach muss Dich auch nicht motivieren. Wenn das passiert, ist das ein schönes Nebenergebnis, aber es sollte nicht Dein Ziel sein. Er/sie kann Dich unterstützen, für Dich da sein, Dir zu hören; aber vergesse nicht: Du möchtest an dem Wettkampf teilnehmen. Er ist also für Dich da, Dich bestmöglich darauf vorzubereiten. Er wird Dir Dinge sagen, die gut sind, aber auch Dinge sagen, die nicht gut sind. Und damit musst Du umgehen können.

Du brauchst einen Coach, der nicht immer sagt, dass alles super ist. Er ist Dein grösster Kritiker, möchte aber Dein Bestes. In der Regel bezahlst Du viel Geld für den Coach, daher kannst Du auch etwas von ihm erwarten. Nicht aber, dass er hier ist, um Dich zu motivieren. Schlussendlich willst Du den Wettkampf.

Suche Dir jemanden, der mit dir regelmässige Fettmessungen (keine Fettmesswaage bitte, sondern einen Caliper) macht, der regelmässige Körperfotos wünscht, um Deinen Fortschritt zu sehen, der aufschreibt was Deine Stärken und Schwächen sind, der Dir den Ernährungsplan macht und Dir beim Posing hilft ODER Dir sagt, wo Du Unterstützung finden kannst. Je weiter weg der Wettkampf, desto weniger eng kann die Zusammenarbeit sein, aber je näher der Wettkampf (sicherlich ein halbes Jahr oder besser ein Jahr vorher), desto näher muss die Zusammenarbeit sein.

Suche Dir auch jemanden, der nicht gleiche Diätpläne für alle macht. Denn: jeder Körper ist anders!

Nur weil jemand einmal ein erfolgreicher Wettkämpfer war, heisst es nicht, dass er auch ein guter Coach sein muss. Oder: nur weil jemand kein erfolgreicher Wettkämpfer war, heisst es nicht, dass er kein guter Coach sein kann.

Bei meinen letzten Wettkämpfen im 2019 wurde ich sehr gut vorbereitet und obwohl mein Coach rund dreissig Athleten hatte, hatte ich jedes Mal das Gefühl, ich wäre seine einzige Athletin. Er nahm sich Zeit für das Posing, die Messungen, die Trainings- und Ernährungsanpassungen und hörte immer zu, wenn ich etwas hatte oder fragte.

Zudem glaube ich auch, dass es von Vorteil ist, wenn Du genug Vorlauf hast, um mit Deinem Coach Dich auf den Wettkampf vorzubereiten. Mindesten ein Jahr vor dem Wettkampf wäre wichtig, so sieht der Coach auch, wie Du auf gewisse Änderungen reagierst (oder eben nicht). Wenn Du wenige Wochen vor dem Wettkampf zu einem Coach gehst und Dir erhoffst, dass er die Welt verändern wird, dann lass es lieber bleiben.

Die Zeit

Wenn Du mit dem Gedanken spielst, einen Wettkampf zu machen, dann hast Du wohl schon viel Zeit ins Training investiert. Bei einem Wettkampf wird das noch einmal intensiver und nicht nur über Wochen, sondern über Monate. Wenn andere gemeinsam weggehen, dann kannst Du zu 90 % nicht mitgehen, weil Du entweder zu wenig Zeit hast oder einfach zu müde bist. Vergiss nicht, dass neben dem Training noch vermehrt das Dehnen dazukommt, das Vorkochen, das Ausdauertraining und das Posing.

Das Posing geht oftmals vergessen, obwohl es so wichtig ist. Für meine zwei letzten Wettkämpfe habe ich viel Posing gemacht und trotzdem war es noch weit weg von perfekt ;). Vergiss das Posing also nicht und fange so früh wie möglich damit an.

Das Umfeld

Vielleicht umgibst Du Dich mit Menschen, welche die Wettkampfwelt nicht kennen – und das ist auch okay. Wenn sie nicht verstehen, was Du tust, ist das mehr als verständlich. Viele meiner Freunde machen selber auch keine Wettkämpfe und darüber bin ich ganz froh. Das ist aber jetzt ein anderes Thema. Meine Eltern finden es zwar irgendwie cool aber sind auch immer froh, wenn es wieder vorbei ist. Was ich gelernt habe, ist, dass ich das Umfeld so früh wie möglich miteinbeziehe. Das macht es viel einfacher, denn Diskussion über das «Warum macht man sowas?» sind viel einfacher, wenn man noch genügend Kalorien essen kann ;). Und für mein näheres Umfeld ist es einfacher damit umzugehen, wenn ich jeweils sage, was als Nächstes passiert.

Die Beziehung

Auch ein spannendes Thema. Hier kann ich nur aus meiner Erfahrung sprechen, wo der Partner selber keinen Wettkampf gemacht hat. Wie es ist, wenn beide in der Beziehung an einem Wettkampf teilnehmen, weiss ich nicht, daher kann ich dazu nichts sagen. Glücklicherweise hatte ich immer Unterstützung. Für mich wurde teilweise vorgekocht, mir wurde beim Posing geholfen und der Partner kam mit zum Coach etc.  Dennoch ist die Vorbereitung nicht spurlos vorbeigegangen. Gerade gegen Ende ist die Zündschnur schon recht kurz, man ist müde und recht asexuell. Also ich zumindest, wie es bei anderen ist, weiss ich nicht. Alles dreht sich um Dich und Deinen Wettkampf und Du hast auch nicht wirklich ein Ohr für etwas anderes, weil der Wettkampf Dich total einnimmt. Das fällt Dir erst nach dem Wettkampf wirklich auf.

Daher kriselt es in vielen Beziehungen (auch nach dem Wettkampf). Umso wichtiger ist es, dass Du einen Partner / Partnerin hast, die versteht was Du machst und sich auch für ein paar Monate zurücknehmen kann. Das ist extrem viel verlangt und ich glaube die wenigsten Wettkämpfer sind sich das bewusst.

Der Zyklus

Viele nehmen Änderungen in ihrem Zyklus wahr. Da ich selber mit der Hormonspirale verhüte, kenne ich dies nicht wirklich, da bei mir die Monatsblutung immer ausbleibt. Dennoch kann es sein, dass Dein Zyklus gegen Ende der Diätphase ausbleibt. Dies ist immer ein Zeichen von Deinem Körper und natürlich ist dies nicht gesund, aber es kann vorkommen, wenn der Körperfettanteil stark sinkt oder auch wenn der Stresslevel zu hoch wird. Daher ist es wichtig, dass Du nach dem Wettkampf gut zu Dir schaust und überprüfst, dass der Zyklus wieder zurückkommt und sich normalisiert.

Die Essstörung

Es gibt immer wieder ehemalige Wettkämpferinnen, die über ihre Essstörungen nach den Wettkämpfen berichten. Auch wenn ich persönlich davon nie betroffen war, kann ich es mehr als nachvollziehen, aus verschiedenen Gründen.

Am Wettkampf ist man definiert und hat eine Form, die man sonst nicht hat. Und schon nur wenige Tage danach sieht es nicht mehr genau so aus. Und ein paar Wochen danach ist bei den meisten das Sixpack wieder weg und man sieht oftmals wieder «normaler» aus. Die Aufmerksamkeit, die man erhalten hat, ist weg und der Wettkampf ebenfalls. Aber die Form war doch so schön und ich will sie noch so lange wie möglich behalten! Leider ist das weder gesund noch nachhaltig. Dennoch gibt es viele, die möglichst lange nur 2-3 Kilo von ihrem Wettkampfgewicht entfernt bleiben. Das ist nicht gesund. Ein Ausdiäten ist absolut wichtig, aber ein sinnvolles.

Andere berichten von Binge Eating Anfällen, wo es zu regelrechten Essanfällen kommt. Und wieder andere können nicht aufhören, die Waage zur Seite zu legen und wiegen weiterhin krampfhaft alles aufs letzte Gramm ab.

Die Essstörungen sind schwierig. Wichtig ist, dass Du darüber spricht und Dir Hilfe holst. Bei einigen pendelt es sich wieder ein. Dennoch ist die Gratwanderung recht schmal und ich finde, wenn man davor schon Schwierigkeiten mit dem Essen hat und erste Tendenzen einer Essstörung aufweist, sollte man die Finger vom Wettkampf lassen.

Das Loch danach

Bei mir war es das «Loch danach», was für mich schwierig war. Über Monate habe ich auf etwas Hingearbeitet und danach war es weg. Ich hatte auf einen Schlag wieder viel mehr Zeit und kein Ziel mehr. Ich kann auch immer nach den Wettkämpfen einfach mal eine oder zwei Wochen nicht trainieren. Es geht einfach nicht. Die Tasche ist gepackt und steht da, aber ich kann einfach nicht. Ich kann es auch nicht erklären, warum dass der Fall ist. Es dauert gut zwei Wochen und dann bin ich wieder zurück. Dann habe ich auch wieder Lust aufs Training und die Routine. Aber die Auszeit ist wichtig für mich.

Abschliessend....

… möchte ich betonen, dass dies überhaupt kein kritischer Text sein soll. Ich liebe den Wettkampf, die Vorbereitung aber möchte deutlich machen, dass es auch viel mit sich bringt. Dies wird in den sozialen Medien wohl nicht so gezeigt. Denn das gibt nicht soviele Likes wie ein knallhartes Sixpack und schöne Posingfotos. Ich liebe den Sport und ich fiebere mit jedem mit, der sich auf die Reise macht. Dennoch ist es wichtig, sich zu einigen Dingen, Gedanken zu machen.

Suche Dir frühzeitig einen Coach, so dass ihr genügend Zeit habt, Euch kennenzulernen und auch mal noch Dinge auszuprobieren. Versuche Deinen Rhythmus für eine Zeit nicht zu stören. Umziehen, Job wechseln, Weiterbildung etc. im Wettkampfjahr zu machen, ist möglich, aber ich würde es nicht empfehlen. Ich rede da aus eigener Erfahrung. Suche Dir ein ruhiges Jahr aus, wo Du nicht noch zu viele Änderungen vorhast.

Nimm Dir Zeit – je länger Du trainierst, desto besser lernst Du Deinen Körper kennen und steigerst die Muskelqualität. Die meisten trainieren seit Jahren, bis sie dann einen Wettkampf machen.

Dein Körper ist ein Tempel und er wird eine Meisterleistung bringen. Daher gib ihm die Zeit, sich zu regenerieren. Auch ohne Sixpack und Adern an den Armen ist es der Wahnsinn, was der zustande bringt.

Und das wichtigste: Du bist mehr als Dein Körper. Reduziere Dich bitte nicht auf Dein Äusseres. Du kannst stolz sein, aber sei nicht perse auf den Körper stolz, sondern auf den Weg, den Du gegangen bist, die Disziplin, die Du tagtäglich hattest und das Committment, für den Wettkampf. Auf der Bühne wirst Du zwar auf den Körper reduzierst, aber alle auf der Bühne haben einen harten Weg hinter sich. Das ist das, was wirklich bewundernswert ist und nicht nur der Körper.

Falls Du Fragen, Unsicherheiten oder Inputs hast, freuen wir uns, wenn Du uns schreibst. Auf unserer Seite findest Du weitere Unterstützung und Coaching Angebote. Wärmstens können wir die Coachings von Gymbrain empfehlen.

Herzlichst,
Irina

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